Glykämische Metriken im Systemvergleich: Warum das CGM-Gerät die Therapieentscheidung beeinflusst
Eine neue Untersuchung zeigt Grenzen bei der herstellerübergreifenden Vergleichbarkeit glykämischer Daten auf.
Veröffentlicht am 07. Juli 2026
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Hintergrund
CGM-basierte Metriken wie Time in Range (TIR), Time Below Range (TBR) oder der Glucose Management Indicator (GMI) sind heute zentrale Instrumente der diabetologischen Therapiesteuerung. Internationale Konsensusempfehlungen definieren konkrete Zielwerte für diese Parameter – und in der klinischen Praxis werden Therapieentscheidungen zunehmend auf Basis dieser Kennzahlen getroffen.
Was dabei häufig implizit vorausgesetzt wird: dass dieselbe Person mit verschiedenen CGM-Systemen zu vergleichbaren Metriken kommt. Eine aktuelle Studie vom Institut für Diabetes-Technologie an der Universität Ulm stellt genau diese Annahme infrage.
Studiendesign
Freckmann et al. analysierten Daten aus einer prospektiven, monozentrischen Studie, in der 23 Erwachsene mit Typ-1-Diabetes drei aktuelle CGM-Systeme der führenden Hersteller gleichzeitig trugen:
- FreeStyle Libre 3 (FL3, Abbott)
- Dexcom G7 (DG7, Dexcom)
- Medtronic Simplera (MSP, Medtronic MiniMed)
Die Studiendauer betrug 14 Tage. Aufgrund unterschiedlicher Sensorlaufzeiten (FL3: 14 Tage; DG7: 10 Tage; MSP: 7 Tage) wurden für die Auswertung ausschließlich Zeiträume herangezogen, in denen alle drei Systeme gleichzeitig Daten lieferten. In die abschließende Analyse flossen 23 Teilnehmende ein (nach Ausschluss einer Person wegen unzureichender Datenverfügbarkeit). Das mittlere Alter lag bei 52,7 Jahren, der mittlere HbA1c bei 6,6 % (49 mmol/mol), die mittlere Diabetesdauer bei 26,7 Jahren. 18 Teilnehmende nutzten eine kontinuierliche subkutane Insulininfusion, davon 15 ein automatisiertes Insulinabgabesystem (AID).
Ergebnisse: Erhebliche Unterschiede zwischen den Systemen
Die glykämischen Metriken differierten je nach verwendetem CGM-System substanziell – und das bei denselben Personen im selben Zeitraum.
Populationsebene
Der Medtronic Simplera zeigte im Systemvergleich durchgängig niedrigere Glukosewerte: Der mittlere Glukosewert lag bei 123 mg/dL, gegenüber 143 mg/dL für FL3 und 140 mg/dL für DG7. Entsprechend wies MSP eine höhere mediane TIR von 84,0 % auf, verglichen mit 76,3 % (FL3) bzw. 76,2 % (DG7). Die Zeit oberhalb des Zielbereichs (TAR >180 mg/dL) betrug für MSP nur 10,5 %, während FL3 auf 21,8 % und DG7 auf 19,6 % kamen. Statistisch signifikante Unterschiede bestanden für die meisten Metriken zwischen MSP und den beiden anderen Systemen; zwischen FL3 und DG7 ergaben sich auf Populationsebene hingegen kaum signifikante Differenzen.
Diese Befunde stehen im Einklang mit den zuvor publizierten Genauigkeitsdaten derselben Studiengruppe: Die relativen Biases der drei Systeme gegenüber kapillären Referenzmessungen betrugen −1,1 % (FL3), −2,5 % (DG7) und −14,5 % (MSP).
Individuelle Ebene: klinisch bedeutsame Diskrepanzen
Noch aufschlussreicher sind die intraindividuellen Unterschiede. Obwohl FL3 und DG7 auf Populationsebene vergleichbare Werte lieferten, zeigten sich bei einzelnen Teilnehmenden TIR-Differenzen von bis zu 11,9 % (171 Minuten) und TAR-Differenzen von bis zu 13,4 % (193 Minuten) zwischen diesen beiden Systemen.
Als klinisch bedeutsam gilt nach internationalem Konsensus eine TIR-Differenz >5 %. Diesen Schwellenwert überschritten:
- 22 % der Teilnehmenden im Vergleich FL3 vs. DG7
- 74 % im Vergleich FL3 vs. MSP
- 52 % im Vergleich DG7 vs. MSP
Für den GMI (klinisch bedeutsame Differenz: >0,3 %) ergab sich ein ähnliches Bild: 22 % (FL3 vs. DG7), 78 % (FL3 vs. MSP) und 61 % (DG7 vs. MSP).
Konsequenzen für Therapieziele
Besonders praxisrelevant ist die Frage, ob das verwendete System darüber entscheidet, ob ein Therapieziel als erreicht gilt. Das TBR-Ziel von <4 % wurde laut FL3-Daten von 70 % der Teilnehmenden (16 von 23) erreicht – laut DG7-Daten von 48 % (11 von 23), laut MSP-Daten nur von 26 % (6 von 23). Bei fast der Hälfte der Teilnehmenden stimmten die Systeme also nicht überein, ob das priorisierte TBR-Ziel erfüllt war.
Glukoseprofile bei Hypo- und Hyperglykämie
Neben den 14-Tage-Metriken untersuchte die Studie auch das dynamische Verhalten der Systeme während experimentell induzierter Hypo- und Hyperglykämien. FL3 und DG7 zeigten dabei ähnliche Verläufe. MSP hingegen registrierte durchgängig niedrigere Glukosewerte – mit der Folge, dass Hypoglykämien früher erkannt wurden, Hyperglykämien dagegen später. Dies hat unmittelbare Konsequenzen für das Selbstmanagement der Betroffenen und für die Steuerung von AID-Systemen.
Limitationen
Die Autorinnen und Autoren benennen die kurze Beobachtungsdauer, die kleine Stichprobengröße sowie die überdurchschnittlich gute Stoffwechseleinstellung der Teilnehmenden als Einschränkungen. Da pro System nur ein bis zwei Sensoren pro Person zum Einsatz kamen, lassen sich intraindividuelle Sensorvariabilität und systematische Systemunterschiede nicht vollständig trennen. Die Autorinnen und Autoren argumentieren jedoch, dass das Protokoll den internationalen Konsensusempfehlungen entspricht und damit den klinischen Alltag adäquat abbildet.
Einordnung und Praxisrelevanz
Die Studie macht deutlich, dass die Wahl des CGM-Systems nicht nur eine technische, sondern eine klinisch relevante Entscheidung ist. Für die Praxis ergeben sich daraus zwei konkrete Implikationen.
Erstens sollten beim Wechsel zwischen CGM-Systemen — sowohl auf Seiten der Patientinnen und Patienten als auch im Rahmen von Praxiskonsultationen — die systembedingten Unterschiede in den Metriken aktiv kommuniziert werden. Eine unveränderte Therapie, die allein auf dem Vergleich von TIR- oder GMI-Werten aus unterschiedlichen Systemen basiert, kann zu fehlgeleiteten Entscheidungen führen.
Zweitens weisen die Autorinnen und Autoren darauf hin, dass Studienergebnisse, die AID-Systeme auf Basis glykämischer Metriken vergleichen, mit Vorsicht interpretiert werden sollten, wenn dabei unterschiedliche CGM-Systeme zum Einsatz kamen. Dieser Punkt ist für die kritische Einordnung von Real-World-Evidenz und klinischen Studien unmittelbar relevant.
Als übergeordneten Lösungsansatz plädieren die Autorinnen und Autoren für eine Standardisierung der Verfahren in CGM-Leistungsstudien — ein Ziel, das die zuständige Arbeitsgruppe der International Federation of Clinical Chemistry and Laboratory Medicine (IFCC) aktiv verfolgt.
Artikel: VitalAire Medical Affairs
Veröffentlicht: 07.07.2026
Quellenangaben:
Freckmann G, Wehrstedt S, Eichenlaub M, Pleus S, Link M, Jendrike N, Öter S, Brandt D, Haug C, Waldenmaier D. A Comparative Analysis of Glycemic Metrics Derived From Three Continuous Glucose Monitoring Systems. Diabetes Care 2025;48(7):1213–1217. https://doi.org/10.2337/dc25-0129